Kühler Wind dringt durch das modrige Unterholz,  dunkle Tannenspitzen formen feine Lichtstrahlen im Halbdunkel des Waldes. Ich klopfe mit meinem Fuß den Waldboden ab. Der Untergrund ist eben, vielleicht perfekt für ein spontanes Nachtlager. Fernab röhrt ein Hirsch durch die Tannen, die sich im abendlichen Wind langsam hin und her bewegen. Wir sind weit weg, zumindest fühlt es sich so an. Und gestern noch standen wir in der unruhigen Warteschlange zum Check-In am Flughafen Berlin Schönefeld.

Ich nehme die Zeltstangen aus unserem Wagen und lege sie in das Halbdunkel der Lichtung. Max streift durch das Geäst der Waldlichtung, seine Wanderstiefel knacken laut im Unterholz des Waldes.  Plötzlich halten wir inne. Ein dunkler Tierlaut ertönt, irgendwo aus dem Tal vor uns. Ein kurzer Moment der Stille, da ertönt der Laut erneut. Ein langgezogenes Brummen, zu tief für einen Hirsch, zu laut für Fiktion. Diese Stimme könnte gerade ein schönes Märchen erzählen, so tief und selbstbewusst tönt sie durch den dichten Wald. Allerdings sind viele Märchen ziemlich grausig. Ich blicke zu Max, seine Augen verraten mir, dass auch er nicht weiß, wie das Märchen ausgeht. Ein weiteres Brummen ertönt, diesmal hinter uns. Eine dritte Stimme antwortet links im Buschwerk. Immer mehr jener grummelnden Laute ertönen um uns herum im dunklen Wald, während mir bereits Szenen brutaler Waldmärchen durch den Kopf schießen.

Max und Ich stehen noch immer im Halbdunkel der Lichtung. Grummeln da Elche? Ich erinnere mich an den spärlichen Infotext aus unserem Reiseführer, der freundlich auf die Existenz der haarigen Wildtiere hinweist und überdies den Herbst zur Paarungszeit jener geweihten Genossen erklärt. Ich blicke auf das traurige Knäuel Zeltstangen, das verloren im dunklen Laub liegt. Da ertönt der Laut erneut aus dem Unterholz, sein leidenschaftliches Brunftgestöhne zeugt von Selbstbewusstein. Sollten wir heute Nacht auf die Nächstenliebe liebeshungriger Elchsbullen hoffen? Vielleicht hat unser grummelnder Freund im Buschwerk eine Antwort auf unsere Frage – seine tiefen Laute klingen zumindest verheißungsvoll. Verheißungsvoll genug, dass wir das Zelt in den Kofferraum werfen, in unseren Mietwagen flüchten und weiter in die untergehende Nordsonne fahren, um im Nirgendwo Norwegens einen Elch-freien Platz zum Wildcampen zu finden.

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Ein Roadtrip durch Norwegen

Die Straße führt uns vorbei an kleinen Seen, dichtem Gestrüpp und verfehlten Chancen eines Zeltplatzes. Es ist der zweite Tag unserer Reise durch Norwegen, die Gefilde der Region Møre og Romsdal ziehen in der Abenddämmerung an uns vorbei. Gestern Nachmittag noch schlecht animierte Cartoons am Bord-TV unseres Flugzeuges genossen, suchen wir heute im Land des Wildcampens einen Ort zum Wildcampen – ohne dabei Opfer eines grausigen Märchens voll blutrünstiger Elche zu werden.

Denn  Norwegen bietet ein wahres Paradies für Wildcamper: Das gesetzlich verankerte „Jedermannsrecht“ erlaubt es grundsätzlich, in der Wildnis zu campen, selbst auf Privatgrundstücken. Zwar muss ein gewisser Abstand zu Siedlungen, landwirtschaftlich genutzten Flächen und öffentlichen Plätzen gewahrt werden. Da aber große Landstriche Norwegens, insbesondere im Landesinneren und im Norden, kaum besiedelt sind, gibt es en masse schöne Plätze zum Wildcampen. Wer also nicht gerade in die Brunft lüsterner Elche platzt, kann vielerorts in Norwegen gefahrlos wild campen.

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Eine Woche lang reisten Max Hartmann und Ich durch die Region zwischen Trondheim und Ålesund – und erlebten einen Roadtrip zwischen unberührter Natur, kurvenreichen Straßen und gefrorenen Zeltwänden. Da ich die gesamte Reise nicht in einen pfiffigen Fließtext quetschen kann und will, offenbare ich euch für den skandinavischen Appetit drei kurze Episoden unserer Reise.

I.   Unverfroren Glücklich: Der Beginn eines Roadtrips

Halb benebelt von der Welt von Flug und Flughäfen steigen wir in Trondheim in unseren Mietwagen, werfen unsere Sachen in den Kofferraum und fahren los. Der flammende Sonnenuntergang am Trondheimsfjord sagt uns: Wir sind angekommen, wo auch immer wir hin wollten. Trotzdem fahren wir weiter, weiter in das hügelige Hinterland, um eine erste Nacht unter norwegischem Himmel zu verbringen.

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Eine schmale Straße führt uns zu einem Bauernhof, Google sagt: Nur 399 Kilometer vom Polarkreis entfernt. Wie sich diese eigentlich nutzlose Information nachts auf ein Thermometer übertragen würde, ahnten wir noch nicht. Wir bauten unser Zelt auf der brachliegenden Weide neben dem Hof auf und sahen einen sternenklaren Himmel. Gin, Natur und das erhabene Gefühl von Freiheit ließ uns zu Abenteurern mit einem gemieteten VW Up werden. Dann folgte die Nacht. Ich wachte auf, ein Knie von mir war eingefroren und überdies bildeten Eiskristalle auf dem Zelt eine starre Wand aus purer Kälte. Widerlich kalt, trotz zwei Schlafsäcken und mehreren Schichten Kleidung. Mir wurde klar: Vielleicht wird eine Reise erst dann zum Abenteuer, wenn man die Grenze des Komforts überschreitet.

artikel-blog-magazin-norwegen-noehr-1-2II.   Der Atlantik ruft

Felsige Inseln ragen aus dem glatten Meer, der Hauch des Ozeans wird nur von vorbeifahrenden Wohnmobilen unterbrochen. Wir sind auf dem Weg nach Ålesund, einer Stadt an der Atlantikküste. Es ist warm in der Sonne, nahezu tropisch, vergleicht man dies mit den Temperaturen der ersten Nacht. Der Fjord hinter uns verläuft sich in kleinen Inseln, ein heiteres Postkartenmotiv par excellence. Ich blicke auf den fernen Horizont des Atlantiks, in Gedanken an das, was sich vielleicht dahinter verbirgt.

 

III.   Die Weite des Nichts

Wir stapfen mit schweren Stiefeln durch das gefrorene Moos, die Gebirgsläufe des Dovrefjell-Sunndalsfjella erschlagen uns mit ihrem … Nichts. Eine Weite aus Fels und knochigen Ästen erstreckt sich vor uns, die ihren Höhepunkt im Gipfel des Snøhetta findet. Mit über 2000 Metern stellt er den höchsten Berg der Dovre-Ebene dar. Fast wird man tiefsinnig in dieser Einöde. Damit ist der Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark der vielleicht ideale Ort für Selbstfindung – oder ein düsteres Begräbnis.

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Eine Woche Norwegen ist zu wenig für Norwegen

Max legt den vierten Gang ein, die Gebirgsläufe münden langsam in die weite Ebene, die sich vor Trondheim und seinem Fjord auftut. Die Reise geht zuende. Weder sind uns Zehen und Testikel in den eiskalten Nächten im Zelt abgefroren, noch wurden wir von blutrünstigen Elchen aufgefuttert. Dennoch war der Ausbruch in die Kälte Norwegens mehr als eine süße Rundreise durch Fjorde. Kürzer. Kälter. Und Planloser. Aber vielleicht entdeckt man den Hauch der Ferne auch erst, wenn man in ihm verloren geht.

[Text und Bild: Philipp Nöhr]